28.02.
Nakhon Si Thammarat ist eine schöne Stadt und definitiv einen Besuch wert. Sie ist berühmt für ihre Schattenspielpuppen und in der Werkstatt der berühmtesten Schattenspielpuppenkünstlers komme ich in den Genuss einer sehr privaten Präsentation (im Publikum: der alte Herr höchstpersönlich plus ich).
Aus Neugier suche ich im Gästebuch nach dem Eintrag von Antoine, der einen Monat zuvor hier war. Mysteriöserweise finde ich einen Eintrag mit exakt Antoines Handschrift (Merkmal: nur Großbuchstaben und daher für Thais beinahe unlesbar) und einem verräterischen Sanouke Mak Mak (so sieht die Transkription von Sehr viel Spaß auf Thai mit einem sehr französischen Akzent aus) aus der Feder eines gewissen Fusils.
(Nachtrag: Im Nachhinein stellt sich heraus dass es natürlich Antoine aka Roger aka Prai aka Tonio der Nichthalbspanier war; womit sein Namensrepertoire erneut erweitert werden muss)
03.03.
Der neue Freiwillige Tobias macht einen ganz netten Eindruck und scheint auch recht clever; letzteres behauptet er zumindest gerne von sich selbst. Er bringt leider nicht die erhoffte plaquette du chocolat, dafür aber die mit Abstand muskulösesten Oberarme in ganz Thailand und ist intensiv auf der Suche nach einer Freundin (ich lehne dankend ab und verweise auf meine Katze in Deutschland).
(Nachtrag: Eine Woche später – Tobias freut sich wie doof über seinen Thaispitzennamen Teb, Engel; außerdem begegne ich ihm in seinen hautengen Regenbogenunterhosen. Zweifel kommen auf, ob hier wirklich nach einer Freundin gesucht wird.)
08.03.
In Kok Payom findet ein zweiwöchiges Workcamp zum Thema Umwelt statt. Auf dem Programm stehen unter anderem die Herstellung von Kompost, das Bauen einer kleinen Biogasanlage, Informationstafeln für den Lehrpfad in den Mangroven und ein größerer Käfig für unseren Adler Lincoln. Pläne für eine Krabbenfarm, welche die Dorfbewohner angeblich bauen wollen, um Schülern das Leben der Krabbe zu lehren, werden verworfen – ich vermute dahinter steckt eher die Leidenschaft für frisches Krabbenfleisch… Verrückterweise hat das Workcamp nur einen einzigen Teilnehmer, Kenta aus Japan – wie soll man da all das schaffen?
(Nachtrag: Später kam für ein paar Tage weibliche Verstärkung aus dem anderen Dalaaprojekt in Klong Dän und in der zweiten Woche stießen noch ein paar junge thailändische Dalaamitglieder dazu. Die Schilder sind trotzdem nicht fertig geworden, womit es jetzt an uns Kok Payom Freiwilligen liegt, sie fertigzustellen. Aus der Erfahrung mit der Geschwindigkeit, in der wird unser Boot repariert haben, schätze ich mal, sie werden noch vor Ende diesen Jahres fertig und aufgestellt sein!)
09.03.
Die Schülersprecherwahlen an der Grundschule in Kok Payom gehen mit 86 von 103 Stimmen für Nong Bo aus.
(Nachtrag: Ich vermute heimliche Absprachen in Kindergarten, vielleicht liegt auch ein schwerer Fall von Bestechung mit Keksen vor!)
11.03.
Unser Gesellschaftsspielerepertoire wird um Loups Garous, das gute alte Werwolfspiel erweitert (auch hierüber würde sich mein Deutschlehrer Herr Dreger wohl freuen); am meisten Spaß macht es aber, die Thailänder den französischen Namen aussprechen zu lassen.
Unser spontaner nächtlicher Trip mit dem Boot zu den Glühwürmchen scheitert dann an der Abwesenheit der Glühwürmchen; dafür erfahre ich aber vom Dorfvorsteher, dass er noch nicht die vier Nebenfrauen zusammen hat, die man als guter Muslim braucht. Ich bin leicht verblüfft und lehne dankend ab.
(Nachtrag: Später finde ich heraus, dass seine Frau vor ihm schon zweimal verheiratet war. Jetzt frag ich mich, ob geschiedene Ehen auch vom Nebenfrauenkonto abgezogen werden, oder ob man jedesmal neu zählt.)
13.03.
Heute Abschiedsausflug von Antoine und Daisuke zu einer kleinen, touristisch vollkommenen unerschlossenen, abgeschiedenen Insel vor der Andamanenküste.
(Nachtrag: Mit der Abgeschiedenheit war es dann doch nichts, unglücklicherweise hat sich eine große Gruppe thailändischer Studenten das gleiche Wochenende herausgesucht. Dafür gab es abends einwandfreie kulinarische Versorgung dank unseren Nachbarn, soll heißen Barbecue am Strand mit dem ein oder anderem Bier und danach schlafen unterm klaren Sternenhimmel…)
15.03.
Daisukes und Antoines Abschiedsparty (die ohne Bier mit den Dorfbewohnern); Unmengen an Essen, Fotos und emotionaler Reden. Antoine punktet mit seiner Karaokeversion (soll heißen: er schrieb seine Rede auf französisch, ein franzöischer Dalaamitarbeiter übersetzte sie ins Englische und dessen Ehefrau dann in Thai, woraufhin der Franzose es dann wiederrum in einen für einen Franzosen ausprechbare Variante transkripiert hat. Bei dem ganzen Vorgang hat wurde aus einer Din A4 Seite mal so eben drei einhalb…)
16.03.
Am Morgen seiner Abreise bemerkt Daisuke, dass er sofort die Grenze überqueren muss, weil er ein neues Visum braucht. Vielleicht wusste er es auch schon vorher, wir jedenfalls nicht, was dann zu einem spontan Ausflug an die malayische Grenze führt. Der nette Grenzbeamte bittet mich um meinen Reisepass, den ich natürlich vergessen habe. Als er aber herausfindet, dass ich aus Kok Payom komme (klar, wer kennt auch nicht dieses 900 Einwohner Fischerdorf versteckt in einer Biegung eines Flusses?), bekomme ich sofort seine Handynummer. Wann immer ich Probleme mit der Polizei habe, soll ich ihn doch einfach anrufen, und er regle dass für mich.
Dann haucht Daisuke sein letztes See you als er in Satun in den Minivan steigt. Als nächstes geht er für 5 Monate nach Kenia, und ich hoffe er passt gut auf seine neue Kamera (50.000 Baht, dafür kann man in Thailand ein kleines Haus kaufen) und seine Finger auf – ich hörte eine Geschichte von einem Japaner, dem von einem Südafrikaner ein Finger abgebissen wurde, als dieser versuchte, die Hand des weißen Gespenstes zu verspeisen; und wünsche ihm viel Erfolg beim Gründen seiner eigenen NGO in Japan.
(Nachtrag: Von dem was ich später hörte hoffe ich doch, dass ihm seine angebliche Yakuza-Vergangenheit dabei nicht im Weg steht.)
17.03.
Abschiedsfeier für die sechste Klasse. Damit endet auch das Schuljahr, man sieht sich dann in zwei Monate!
Oder vielleicht auch nicht, in der Aussicht dass wir bald nur noch zwei Freiwillige seien werde, wechsle ich die Schule und werde von da an im nächsten Dorf, Tachamuang, unterrichten. Die Dorfbewohner von Kok Payom sind darüber alles andere als glücklich, und da sieht mans mal wieder: kindische Abneigungen zwischen benachbarten Dörfern sind ein internationales Phänomen. Mir ist das relativ egal, die Lehrerinnen haben mich bereits voll adoptiert (drei weitere Frauen, die ich von jetzt an mit Mä, Mama ansprechen muss). Jetzt steht nur noch die H-Frage vom Direktor an (Antoine, do you like Hitler? was dieser natürlich enthusiastisch bejahte weil er kein Wort verstand) und dann kanns losgehen.
Neue Schule, neues Glück!
18.03.
Nervöse Kurzschlussreaktion bei Fusilrogerpraiantoine – oder warum sonst fängt er zwei Tage vor seiner Abreise an, die 44 Buchstaben des thailändischen Alphabets zu lernen?
Außerdem werden wir innerhalb einer Woche zum dritten Mal zu einer Beschneidungsfeier eingeladen. Das ganze sieht dann ungefähr so aus: Die eine Hälfte des Dorfes kocht und serviert Essen, die andere Hälfte ist in wechselnden Schichten am Essen und der betroffene Junge liegt wie ein kleiner Königstiger halbunbekleidet bis ganz nackt im Haus und empfängt Geldgeschenke in Umschlägen.
(Nachtrag: Im Nachhinein macht das ganze natürlich Sinn, weil jetzt die Schulferien beginnen und die Jungs nach der Prozedur erstmal für eine Woche flachliegen; auch wenn das ganze angeblich nur einen einzigen Tag wehtut)
19.03.
Wer behauptet eigentlich, dass das Absolvieren von drei Jahren Kindergarten nicht eine Leistung ist, die mit Diplom und Zeremonie gefeiert werden sollte? Antoine und ich begleiten eines unserer Lieblingskinder, Iffan (übrigens der Sohn meiner Ma, was das muslimische Wort für Mä, also Mama ist; womit er dann praktisch mein Bruder ist; und weil Iffan Yannis kleiner Bruder ist bin ich dann auch Yannis Schwester, wobei Yannis auch der Bruder von meiner Mama ist, somit also eigentlich mein Onkel – alles klar?); es gibt wie gewohnt Bilder und emotionale Reden, die Kinder sehen recht putzig mit Make-up und echten (mintfarbenen) Diplomhüten aus.
Zufälligerweise ist dann noch der Parlamentsabgeordnete der Provinz Satun da, der uns natürlich unbedingt kennenlernen möchte. Bei einer Runde Smalltalk stellt sich heraus, dass er letzte Woche den Zug von Paris nach Frankreich genommen hat; jedenfalls ist auch er eine nützliche Kontaktperson, falls ich Probleme mit der Polizei bekommen sollte.
(Nachtrag: Inzwischen haben das so viele Leute gesagt, dass ich vielleicht endlich mal irgendwelche illegalen Aktivitäten planan sollte. Drogenschmuggel? Illegale Glücksspiele? Vielleicht hilft mir ja Daisuke…)
20.03.
Quel bordel! Antoines Abreise. Und, ja, ich glaube alle hier sind sehr, sehr traurig. Um eine andere Freiwillige zu zitieren – man wundert sich, warum alle ständig über diesen komischen Franzosen reden; bis man ihn dann selber trifft und versteht.
Mit ein paar Dorfbewohnern begleite ich Antoine zum Bahnhof…
…wo es natürlich längst schon keine Tickets mehr gibt weil jetzt in den Sommerferien Hochsaison ist. Was nicht ganz unwillkommenerweise zu einem letzten Beer o’clock in unserer Stammkneipe führt.
21.03.
Mit einem letzten See you verschwindet nun auch Antoine; kleiner Franzose in einer großen Welt, reicher um unglaublich viele neue Erfahrungen und einen Bart und einen Strohhut. Für Trauer bleibt dann aber doch keine Zeit – morgen kommen hier Tanto und Kusin an, die übrigens die Familienbezeichnungen im Gegensatz zu den Thais mit biologischer Berechtigung tragen.
Reisezeit!